Erinnerungen

An meine Oma.

Sie hat 2 Weltkriege erlebt, also den zweiten vermutlich bewusster als den ersten, musste ihren Mann während des Krieges entbehren, konnte ihn aber am Ende wieder glücklich in die Arme schliessen. Meinen Vater zog sie in der Zeit aber alleine gross. Viel erzählt hat sie mir aus dieser Zeit nicht. Heute denke ich, ich hätte etwas fordernder fragen können/sollen. Aber nun ist es eben so.

Sie konnte wunderbar Weihnachtsstollen backen (vielleicht habe ich verklärte Erinnerungen an den Geschmack und auch die Stimmung dazu, aber mein Stollen, den ich mehr oder weniger nach ihrem Rezept backe, kommt an ihren einfach nicht ran.) und Patiencen legen und Würfelspiele spielen und mir Bücher vorlesen.

Sie hatte einen ganz speziellen Gang, weil da irgendwas mit ihrem Fuss bei einer Operation nicht richtig gemacht worden war (so erinnere ich mich jedenfalls). Sie musste das eine Bein immer sehr hoch heben beim Laufen, weil sie das Fussgelenk nicht bewegen konnte.

Sie wohnte im 3. oder 4. Stock ohne Fahrstuhl und musste daher fast einmal täglich die Treppen steigen. Das hatte zur Folge, dass sie ein ziemlich gutes Herz-Kreislauf-System hatte, was sie ebenfalls ziemlich alt werden liess.

Als ich klein war – also ziemlich klein, so 3 Jahre vielleicht? Oder auch erst 2 – wohnte ich mal 2-3 Wochen bei „Oma und Opa“, weil ich meine Eltern so genervt habe (?!? Schreikind? Keine Ahnung, aber ich fand’s auf jeden Fall toll dort.). Oder weil sie Zeit und Ruhe brauchten, damit mein kleiner Bruder entstehen konnte 😉 ?

Wir sind oft Enten füttern gegangen am Schäfersee in Reinickendorf. Sie hat dafür immer ein ganzes Toastbrot gekauft und ich durfte es in kleine Würfel schneiden, in eine Tüte packen und dann fütterten wir wie die Weltmeister.

Während meiner Grundschulzeit war sie mindestens einmal pro Woche bei uns und hat für uns gekocht, mit mir Flöte spielen geübt, Hausaufgaben kontrolliert und vermutlich gespielt. Abends kam dann der Opa und holte sie nach einem gemeinsamen Abendessen ab.

Es gab Traditionen bei ihnen beim Essen. Immer am Samstag gab es zum Abendessen warme Würstchen mit Senf. Oder Ketchup für mich. Immer am Sonntag gab es einen Kuchen. Ich glaube sogar schon zum Frühstück, bin aber nicht sicher. Als ich älter war, kaufte sie immer extra für mich ein paar Scheiben Lachs und Toastbrot. Ich hatte wohl einmal erwähnt, dass ich ab und zu auch ganz gerne mal Lachs essen würde. So wurde es zu einem Ritual.

Sie machte gerne Kreuzworträtsel. Der Opa aber auch. (vielleicht machte sie es auch nur, um mit dem Opa etwas gemeinsam zu machen, darüber bin ich nicht genau informiert.) Darum machte sie die Rätsel mit Bleistift und radierte sie danach wieder aus. Ausserdem hatten sie jeder ein Zeichen, das sie auf die Zeitschriften malten, die sie schon gelesen hatten. So konnte der andere sie, nachdem er sie gelesen hatte, ins Altpapier machen.

Als der Opa starb, ging es ihr schlecht. Sie waren nach so vielen Jahren so eng aneinander gewöhnt, dass sie ohne ihn nicht mehr recht wusste, was sie machen sollte. Ich hatte gehofft, dass sie es schaffen würde, das Leben wie neu zu beginnen. Alleine. Aber sie schaffte es nicht. Ihr Sohn wohnte schon lange nicht mehr in Berlin, ich allerdings auch nicht. Ansonsten gab es nicht viele Freunde oder Verwandte in der grossen Stadt. Sie waren sich immer selbst genug.

Es ging schnell bergab mit ihr. Mein Vater holte sie zu sich, was es aber nicht besser machte, denn sie war aus Berlin und wollte nicht mit knapp 90 (oder etwas jünger) in ein 700 Seelen Dorf ziehen. Sie hatte aber keine Wahl. In Berlin gab es niemanden, der sich hätte kümmern können.

Später kam sie in ein Heim, wurde dement (ich denke ja manchmal, sie hat ganz bewusst abgeschaltet. Hatte keinen Bock mehr.), erkannte mich nicht mehr und wartete auf den Tod. Es war ein trauriges Ende, auch wenn mein Vater sie wirklich oft besuchte. Für mich war sie nicht mehr die alte.

Ich bin nicht sehr gut im Merken von Zahlen und Todesdaten, daher weiss ich zwar, dass sie über 90 geworden war, aber nicht mehr in welchem Jahr sie gestorben ist.

Aber heute wäre ihr Geburtstag gewesen. Immer am Tag nach den Weihnachtsfeiertagen. Das weiss ich natürlich noch, denn wir besuchten sie immer an diesem Tag und assen unter anderem vom leckeren Stollen.

Ich habe ihr zu Ehren heute auch noch ein kleines Stück Stollen gegessen und an sie gedacht.

Happy Birthday Oma!

Sie wäre heute einhundert Jahre alt geworden.

 

P.S.: der Opa wäre schon vor 5 Jahren 100 geworden. Das habe ich (Zahlengedächtnis und so) irgendwie verpasst. Er wurde übrigens auch über 90. Ich habe hoffentlich die guten Gene geerbt. 🙂

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4 Kommentare (+deinen hinzufügen?)

  1. Tempest
    Dez 27, 2016 @ 18:54:59

    Das klingt schön und auch traurig.
    Ich habe auch erst gestern ein paar Zeilen über meine 2014 verstorbene Oma geschrieben, die gestern, also am 26.12. 87 Jahre alt geworden wäre.

    Antwort

  2. andreaminnieblog
    Dez 27, 2016 @ 19:10:52

    Ich finde es sehr schön, dass du so viele Erinnerungen an deine Oma hast und sie mit uns teilst.

    Antwort

  3. samybee
    Dez 27, 2016 @ 19:35:02

    Ja, an solchen Tagen muss es dann Stollen sein. Der Beitrag ist sehr schön zu lesen. Danke fürs Schreiben!

    Antwort

  4. Barbara
    Dez 28, 2016 @ 12:03:52

    Dieser Beitrag hat mich sehr gerührt. Meine Oma väterlicherseits, mit der ich in einem 3-Generationen Haus (Bauernhof) aufgewachsen bin (inzwischen lebe ich im Ausland in einer 6-Millionen-Stadt), hätte gestern auch Geburtstag gehabt und wäre 99 Jahre alt geworden. Sie verstarb vor 10 Jahren zuhause, an einem Samstag im November am Kaffeetisch. Das klingt romantisch, aber sie (und meine Eltern) hatten davor einige harte Monate, da es sehr drastisch mit ihr bergab ging. Aber ich bin froh, dass sie zuhause sterben durfte und ich sie in ihrem Sarg auch nochmal berühren durfte, das war ein bewegender Augenblick.

    Antwort

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